Reisespezialistin, Taucherin und Mami: Jessi Clarisse bringt unter einen Hut, wovon andere nur träumen. Nur in einem ist sie dünnhäutig. «Es gibt schon Leute, die über uns den Kopf schütteln», sagt Jessi Clarisse (31). Ihr macht das nichts aus. Sie sitzt gerade auf dem Bett und schaut Fische an. Neben ihr Chloe, zweieinhalb. Mami soll vorlesen. Aus dem Riff-Führer von Debelius Biologiebuch über Madagaskar. «Wollen wir nicht lieber den <Kleiner Fisch entdeckt das Meer> erzählen?» Ein energisches Nein. Also gut: «Manta birostris. Ein Mantarochen. Schau, das ist ein ganz grosser, flacher Fisch. Den hat Mami auch schon gesehen. Auf den Malediven. Da warst du auch mal.» Und auf den Philippinen und auf Bali und… Natürlich auf den Seychellen. Da war die Kleine erst gute zwei Monate alt. Mutterschaftsurlaub mit Mami. Und da gabs keine Probleme? «Nein, sie ist happy, wenn sie dabei sein darf», sagt Jessi.

«Tauchen ist ein Besuch in eine andere Welt.»

Sie muss es wissen. Sie ist das Reisen selber von klein auf gewohnt. Ihr Vater stammt von den Seychellen. Ein langer Anfahrtsweg für die regelmässigen Familienbesuche. «Wichtig ist, dass man selber gelassen ist und Vertrauen hat, dass das Kind mitmacht.» Für Jessi ist Reisen Passion. Und Beruf.

Der Traumjob

Neben dem Mamisein arbeitet Jessi 80 Prozent. Sie ist Product Manager Tauchen bei Manta Reisen. Klingt nach endlos bezahlten Ferien. «Nicht ganz. Aber es ist natürlich schon erwünscht, dass wir unsere Destinationen kennen.» Und tauchen sollte man können. Ein Leichtes für Jessi. In warmen Gewässern, notabene. Und auch da nur mit einem 7,5 Millimeter dicken Halbtrockenanzug. In der Schweiz hat sies – von der Badewanne mal abgesehen – erst einmal geschafft: im Verzascatal. «Viiiiel zu kalt» war das. Doch der Besuch in eine andere Welt fasziniert auch nach über 300 Tauchgängen. «Da ist man plötzlich Teil des Elements Wasser. Alles ist ganz ruhig.» Und ein Gegensatz zur Hektik über Wasser. Besonders mag sie die skurrilen kleinen Wesen: farbige Nacktschnecken und Seepferdli. «Da Mami, eine Schildkröte.» Chloe zeigt aufgeregt ins Biologiebuch. Jessi lacht. «Büechli anschauen und träumen gehört zu unserem Abendritual.» Von der nächsten Reise zum Beispiel. «Die Karibik steht hoch im Kurs.» Manchmal reist Jessi schon ein paar Tage vorher, um neue Destinationen, Unterkünfte und Tauchresorts auszukundschaften. Dann kommt ihr Mann mit der Tochter nach. Geschäft und Familie: Für Jessi kein Widerspruch. «Natürlich ist es nicht einfach, allem gerecht zu werden», sagt Jessi. «Ich muss immer schauen, dass niemand auf der Strecke bleibt. Auch ich selbst nicht.» Obwohl, die Reihenfolge ist klar: «Zuerst kommt das Kind, dann der Mann und dann du selbst». Heute ist Mamitag. «Da gibts kein Telefon, keinen Computer, nichts.» Genauso gibt es auch den Papitag. «Wir teilen uns das auf und haben ein tolles Umfeld, das uns unterstützt.» Chloe steht auf. Jetzt wird Memory gespielt. Da wirds für einmal eng für Jessi. Text: Micha Eicher, Foto: Helen Ree