Als achtköpfiges Tauchteam durchqueren wir während neun Tagen auf der Duyung Baru die Gewässer des Komodo Nationalparks. Duyung Baru bedeutet in Indonesisch «Neue Meerjungfrau» und ist das neue Boot von Yani und Vovo. Liegt es an der märchenhaften Stimmung auf der Meerjungfrau, der gemeinsamen Leidenschaft oder doch einfach an der gleichen Sprache, dass wir uns alle so gut verstehen? Mit fünf Nationalitäten und doch nur einer Bootsprache, bilden wir wohl die internationalste, deutschsprachige Bootsbesatzung. 

Frühmorgens, machen wir uns auf den Weg nach Castle Rock. Geschafft, es ist noch kein anderes Boot da und das Riff gehört uns alleine. Der weltbekannte Tauchplatz zeigt sich von seiner besten Seite: Wenig aber dennoch ausreichend Strömung, glasklare Sicht und ein wahrer Fischzirkus. Füsiliere, Fledermausfische und Grossaugenmakrelen tanzen um die Wette. Ich bewege mich kaum, atme ruhig und werde Teil von ihnen. Kein Fisch scheint sich an diesem frühen Morgen um meine Präsenz zu kümmern. Ich versinke völlig in der verzaubernden Unterwasserwelt und die Zeit scheint stehen zu bleiben – und doch entgeht mir die plötzliche Aufregung unseres Guides nicht. Mit einer Hand deutet er auf sein Ohr, während er mit der anderen eine wellenartige Handbewegung macht. Ist es wirklich was ich meine? Hat er einen Delphin gehört? Noch bevor meine Vermutung bestätigt wird, höre ich auch schon das Singen und folge diesem hinaus ins Blauwasser. Da ist er! Graziös und majestätisch bewegt sich der Delphin in Richtung Wasseroberfläche. Ein Schnappschuss dieses Tümmlers im Licht der ersten Sonnenstrahlen hätte wohl den Foto-Kitschpreis des Jahres gewonnen. Wenngleich Zeit und Raum während eines solchen Tauchgangs vergessen gehen, melden sich nun Kälte und Hunger und erinnern mich daran, dass es Zeit zum Aufsteigen ist. Während des Safety Stops male ich mir aus, was die Yani wohl heute wieder für ein leckeres Frühstück auf den Tisch zaubert.

Wir nähern uns mit dem Speed Boot der Duyung Baru und der Duft von frischem Kaffee und warmen Brezeln weht uns entgegen. Noch bevor ich mich aus dem nassen Tauchanzug befreie, erhasche ich einen Blick in die Bordküche. 

Nach einem 4-Sterne Frühstück sind wir gespannt auf das weitere Tauchprogramm. Es wird uns viel  «Action» und einzigartige Topographien im strömungsreichen Wasser versprochen. Als Teil des Teams Alpin (Schweiz und Österreich) lasse ich mich über das Riff von Tatawa Besar gleiten und bestaune die intakten und farbenprächtigen Weichkorallen. Hier und da stelle ich mich gegen die Strömung und suche nach kleinen Krebsen und Pygmäen-Seepferdchen. Obschon es keine Sprachbarriere zwischen  uns Tauchern gibt, kommen doch immer wieder kleine kulturelle Unterschiede zum Vorschein. Trotz genauem Briefing schaffe ich eine Linkskurve nicht und ich werde mir noch die nächsten Tage vom Team Luxemburg und Team Deutschland anhören müssen, dass die Berner halt ein gemütliches Volk sind. Umso wohler fühlen wir Alpinisten uns dafür auf Vovos «Wanderweg». Dieser Tauchplatz bekam seinen Namen nicht umsonst, die Topographie hat tatsächlich Ähnlichkeiten mit den Schweizer Bergen. Statt Murmeltieren, Steinböcken und Kühen, kommen uns aber Weisspitzenhaie, graue Riffhaie und Schildkröten entgegen. Ich schwimme so nahe an einen ruhenden Hai heran, dass ich das Gefühl habe, ihn berühren zu können. Es ist wahrhaftig «Komodo at its best», was wir nicht zuletzt unserem erfahrenen Cruise Director zu verdanken haben. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist das Geheimrezept. Oder ist es doch eher das Visualisieren statt das Glück, welches zum Erfolg führt?

Visualisieren wird zum Thema beim Manta-Tauchgang. Es heisst, wir müssen uns unter Wasser die grossen Rochen vorstellen und es schade auch nicht, dazu leichte Bewegungen wie Flügelschläge mit den Armen zu machen. Nicht abergläubisch genug, hatte ich während des ersten Tauchgangs keine einzige Manta-Sichtung, während Team Deutschland erfolgreicher war. «Ja, die Bergler glauben eben nur was sie sehen», wurde daraufhin gestichelt. Das lasse ich natürlich nicht auf mir sitzen und werde beim nächsten Tauchgang regelrecht zur Mantaflüsterin. Und siehe da, es nützt. Umgeben von Mantas weiss ich gar nicht in welche Richtung ich schauen soll. Ich lege mich in den Sand, atme ruhig und beobachte zwei grosse, anmutige Rochen bei ihrem Putzritual. Ganz und gar eingenommen von dieser Eleganz und gleichzeitigen Verspieltheit, bemerke ich nicht, wie ein grosser Manta von hinten auf mich zusteuert und nur ganz knapp über meinen Kopf hinweg gleitet. Ich wüsste noch heute nichts von diesem Annäherungsversuch, hätte Team Luxemburg nicht alles auf der Kamera festgehalten. Man könnte meinen, dass ein grösseres Mantaglück oder eben eine bessere Mantavisualisierung gar nicht möglich ist. Doch da ist unser Speedboot-Captain Hendrik anderer Meinung. Auf dem Weg zurück zu unserer Meerjungfrau, steuert er seinen geheimen Mantaplatz an, wo er an der Wasseroberfläche unzählige schwarze teppichähnliche Schatten erspäht. Er positioniert das Speedboot, wir packen Maske, Schnorchel und Flossen und tauchen noch einmal ab. Sie sind über uns, unter uns, umkreisen uns mit graziösen Drehungen, wir werden Teil vom Mantatanz. Müde und hungrig, aber mit einem breiten Lachen kommen wir zurück aufs Schiff, wo uns Yani bereits mit selbstgebackenem Kuchen erwartet.  

Der letzte Tag unserer 9-tägigen Tour steht bereits vor der Tür. Wir haben das Gefühl, dass es kaum etwas gibt, das wir noch nicht erlebt haben. Oder doch, da war doch noch etwas…die Komodowarane. Als krönenden Abschluss unserer Tauchsafari machen wir uns auf der Insel Rinca auf die Suche nach den Riesenechsen. Liegt es nun wohl am Glück oder an der Visualisierung dass wir nicht so viele antreffen?

Für unser Abschlussabendessen zurück im Hafen haben wir die Wahl zwischen Pizza in Labuan Bajo oder Yanis Bordküche. Die Entscheidung ist schnell gefallen, da sich niemand ein letztes Mal Yanis Köstlichkeiten entgehen lassen will. Sie hat uns mit ihren bisherigen Kochkünsten weit mehr als überzeugt, dass sie eine ausgezeichnete und leidenschaftliche Köchin ist. Ihr stundenlang gekochtes Rendang (Indonesisches Gulasch) hat sogar zur Folge, dass Team Expat seine Frauen zu Yani in den Kochkurs schicken will.
Mit diesem Abend geht auch meine erste Safaritour zu Ende und es wird ganz sicher nicht die Letzte sein. Denn Träume sind dazu da, um verwirklicht zu werden.