Von einem Dingy werden wir am Hafen in Sorong abgeholt und auf die Indo Siren gebracht, welche nun für 10 Tage unser Zuhause ist.  An Bord des Segelschiffes, welches jedoch die meiste Zeit mit Motor fährt, werden wir von der Crew mit einem freundlichem «Welcome» und «Selamat datang» begrüsst. Ehrlich gesagt bin ich von der langen Anreise durch sieben Zeitzonen – von Zürich via Dubai via Jakarta nach West-Papua ganz in den Osten Indonesiens – ziemlich erschöpft. Dennoch bin ich unglaublich gespannt, was uns auf dem Boot aber auch Unterwasser erwartet.

Nach einem erfrischenden Drink, kurzen Formalitäten und dem Begrüssen aller Teilnehmer werden wir in unsere geräumige Kabine geführt. Anschliessend inspiziere ich den Rest des Holzschiffes: im Heckbereich, zwar Openair aber mit einem Dach geschützt, befindet sich der Essbereich, wo auch die Tauchbriefings stattfinden. Der Salon mit Bar, TV und bequemen Sitzgelegenheiten ist angenehm kühl. Im Bug finde ich dann das Tauchdeck, wo jeder Taucher einen festen Platz und eine Nummer zugewiesen bekommt. Direkt neben dem Platz hat es eine Schublade für nassen Kleinkram und auch im Salonbereich hat es eine persönliche Schublade, wo man Kamera, Logbuch und Sonnencreme versorgen kann.  Nachdem wir uns alle etwas umgesehen und eingerichtet haben, geht es an die Sicherheitsinstruktionen. Uns wird gezeigt wo sich die Rettungswesten und die Rettungsboote befinden und wir üben sogar ein kurzes Notfallszenario. Ich fühle mich sehr wohl – Sicherheit wird auf der Indo Siren gross geschrieben. Dann geht es los: die Anker werden gehisst und die Fahrt führt uns Richtung Süden des Raja Ampat Archipels – nach Misool. Dort werden wir die ersten fünf Tauchtage verbringen. Nach dem ersten, geschmackvollen Abendessen gebe ich mich meiner Müdigkeit hin und lasse mich sanft in den Schlaf schaukeln.

Gut erholt werden wir früh morgens von Glockenläuten für den ersten Early-Morning Tauchgang geweckt. Ein kurzer Blick auf mein Handy kann ich mir nicht verkneifen: «Kein Netz» lautet die Nachricht oben links auf dem Display. Kurz werde ich nervös, dann aber weiss ich: ich muss im Paradies angekommen sein. Tauchen, Sonne, Essen, Schlafen, Entspannen und das weit weg von der digitalen Welt und dem Alltag. Was wünscht man sich mehr von den perfekten Ferien? Gespannt begeben wir uns an Deck wo uns ein wahres Naturspektakel erwartet: Wir sind bei der zweitgrössten Insel von Raja Ampat angekommen. Misool ist von atemberaubenden Kalksteinformationen, die wie Pilze aus dem Meer ragen, umgeben.

Ein kleines Frühstück mit Toast, Müsli und Kaffee steht bereit, kurz darauf folgt das Tauchbriefing. Wir werden nach Taucherfahrung in drei  Gruppen eingeteilt. Von den neun Tauchtagen, taucht jede Gruppe drei Tage mit demselben Tauchguide, dann wird gewechselt. Die Reihenfolge in welcher unsere Gruppen ins Wasser springen wechselt täglich. So ist jeder einmal der Erste, jeder einmal der Letzte im Wasser. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon: viel habe ich von diesem Tauchgebiet gehört und bin ehrlich gespannt ob es seine Versprechungen hält.

Drei, zwei, eins: gemeinsam mit dem Guide plumpsen wir mit einer Rückwärtsrolle ins Wasser und tauchen ab. Ich schaue mich um und bin überwältigt! Riesenschwämme, Fächerkorallen in allen Farben, Fledermausfisch, welche ich sosehr liebe – gelbe Schnapper und die grössten Barrakudas, welche ich je gesehen habe, heissen uns willkommen. Wir werden von unserem enthusiastischen Tauchguide zu einer Gorgonie gewunken. Was will er uns wohl zeigen? Ich muss ganz genau hinschauen, doch da sehe ich es: Zwei Denise – Zwergseepferdchen! Ich kann es kaum glauben! So viel habe ich von diesen kleinen Geschöpfen gehört und niemals erwartet, dass ich schon auf dem ersten Tauchgang welche sehen darf. Sie sind unglaublich süss, man braucht aber schon gute Augen um sie zu bestaunen, denn sie sind kaum 1 cm gross und unglaublich gut getarnt. Eine Lupe dabei zu haben ist empfehlenswert. Nach dem ersten Tauchgang erwartet uns hungrige Mäuler ein reichhaltiges Frühstück. Diverse Eierspeisen werden auf Bestellung zubereitet.

Eine kurze Verdauungspause und schon springen wir das zweite Mal ins Meer. Mit zirka 28 Grad ist die Wassertemperatur für mich «Gfrörli» gerade angenehm. Auch jetzt werden wir wieder von unzähligen Fischen und einer intakten Korallenwelt, wie ich sie noch nie gesehen habe, empfangen. Weichkorallen in verschiedensten Farben und Formen, keine Spur von der Korallenbleiche. Ich drehe mich im Kreis und weiss nicht wohin ich schauen soll. Nach dem Mittagessen folgt ein weiterer Tauchgang mit Barrakudas, Nacktschnecken, Skorpion-, Krokodilfischen, Thunfischen und Stachelmakrelen. Bei Dämmerung, kurz vor dem Abendessen folgt der vierte Tauchgang des Tages: der Nachttauchgang. Wir sind gespannt, was uns Raja Ampat nach Sonnenuntergang zu bieten hat und  staunen nicht schlecht: ein Epaulettenhai zeigt sich bereits in den ersten paar Minuten und Krabben spazieren über das Riff. Beim Austauchen werden wir Zeugen, wie eine Riesenmuräne einen kleineren Artgenossen verspeist. Dies mit anzusehen erzeugt in mir eine Mischung aus Staunen und Grausen. Das ist Natur pur! Nach dem Abendessen lauschen wir bei einem Dekobier im Schiffsbug der Crew: unser Tauchguide Yady hat seine Gitarre dabei und es werden indonesische Leider angestimmt. Die Atmosphäre ist überwältigend! Über uns der Sternenhimmel und umgeben von den Umrissen der Kalksteininselchen lassen wir den Tag mit seinen Eindrücken ausklingen.

Am zweiten Tag springen wir als erstes beim Tauchplatz «Nudi Rock», einem Felsen der, wie der Name besagt, einer Nacktschnecke gleicht. Zwei graue Riffhaie kreuzen gleich nach dem Abtauchen unseren Weg. Von nun haben wir beinahe bei jedem Tauchgang Begegnungen mit Riffhaien. Es folgen Büffelkopf Papageienfische, Napoleons, Muränen und eine Orang-Utan Krabbe, von der ich begeistert bin. Wie diese kleine Kreatur mit seinen Orang-Utan ähnlichen «Haaren» auf der Koralle sitzt! Gegen Ende hören und sehen wir drei grosse Tümmler, zwei davon müssen eine Mama mit  Ihrem Kind sein. Ich traue meinen Augen kaum und nach dem Auftauchen sind wir uns alle einig: es ist ein unglaubliches Glück eine solche unberührte Natur über- und vor allem Unterwasser erleben zu dürfen und wir fühlen uns privilegiert.  

Hier ist schöner als ich mir je erträumt habe und ich habe Frieden mit der langen Anreise geschlossen. Diese Schönheit erleben zu dürfen, ist jede Reiseminute wert. Die nächsten drei Tauchtage in der Region um die Insel Misool lassen sich auch nicht lumpen. Jagende Stachelmakrelen, Barbiganti-Zwergseepferdchen, Barrakudas, farbige Weichkorallengärten, Riffhaie, zahlreiche Nacktschnecken, Schildkröten und Tunfische berauschen uns jedes Mal aufs Neue. Am Tauchplatz «Four Kings», an dem wir in der Strömung an unseren Riffhaken im Wasser fliegen, taucht vor uns aus der Tiefe ein Riffmanta auf. Unsere Tauchgruppe hat sich zu einem eingeschworenen Team entwickelt – ich fühle mich an Bord und Unterwasser sehr gut aufgehoben. Es wird viel gelacht und das Leben in seinen vollen Zügen genossen.

Nach dem fünften Tauchtag bei Misool ist die Überfahrt in den Norden des Archipels geplant – diese dauert mit unserem Boot gut 15 Stunden. Nach dem dritten Tauchgang fahren wir los und geniessen den Fahrtwind und die Sonne auf den Liegestühlen des Sonnendecks. Am nächsten Morgen, bereits im Norden angekommen, sind wir wiederum sehr gespannt: was erwartet uns hier rund um die Inseln Gam, Kri, Fam, Waiego und Mansuar? Ist es anders als im Süden? Der erste Tauchgang machen wir bei «Melissas Garden», welcher nach der Tochter vom Raja Ampat Pionier Max Ammer benannt ist. Ich denke mir, wenn ein Vater einen Tauchplatz nach seiner Tochter benennt, muss er traumhaft schön sein. Unter Wasser wird klar, ich habe nicht zuviel erwartet. Hier liegt die Schönheit weniger bei den Weichkorallen wie im Süden, als bei den verschiedenen Hartkorallen. Ich kann mich erneut am Fischtreiben kaum sattsehen. Zwischen dem zweiten und dem dritten Tauchgang folgt der erste Landausflug in die Pianemo Sternenlagune. Mit dem Dingy werden wir durch kristallklares Wasser gefahren und legen an einem Steg an. Durch dichten Dschungel erklimmen wir über eine lange Treppe einen Aussichtspunkt. Dort verschlägt es mir glatt die Sprache. Es präsentiert sich ein Rundumblick auf unzählige Inselchen und das Meer in seinen verschiedenen Blautönen. Anschliessend freuen wir uns auf einen weiteren Tauchgang. Wiederum entdecken wir viel Neues: noch nie gesehene Clownfische, vier Kuhnasenrochen, welche in Formation an uns vorbeischweben, pink fluoreszierende Anemonen, welche wir kurzerhand in «Disco Anemonen» umbenennen da sie einer Discokugel in einem Club Konkurrenz machen. Immer wieder überrascht mich die Natur in ihrer Genialität und Schönheit. Endlich: der erste Teppichhai! Letzterer ist nicht einfach zu sehen, nicht wegen seiner Grösse, sondern seiner Tarnung wegen. Mit seiner beigen Farbe und seiner merkwürdigen Körperform liegt er regungslos im Sand zwischen zwei Korallenblöcken.

Langsam aber sicher neigt sich die Tauchsafari dem Ende zu. Bis zum Schluss hält das Meer Überraschungen für uns bereit. Ein weiterer Manta kreuzt unseren Weg. Als ich auf einem Nachttauchgang eine Zwergsepia und einen Blauring-Oktopus bestaunen darf, werde ich wehmütig, weil mir bewusst wird, dass wir das Paradies schon bald wieder verlassen müssen. Zurück in der Schweiz schaue ich mit einem Lachen auf das Abenteuer Raja Ampat zurück und kann Ihnen nur eines sagen: falls Sie noch nie dort waren und die Abgeschiedenheit, die tropische Wärme und die Unterwasserwelt lieben müssen Sie das auch erleben. Ich weiss, es liegt nicht gerade um die Ecke, aber ich bin mir sicher, dass Sie es nicht bereuen werden!